Tempus Fugit - die Zeit flieht. Wie auch die noch bleibende Zeit bis zum Jahreswechsel scheinbar in Hechtsprüngen sich dem Ende nähert und sich unserer Greifbarkeit entzieht so präsentiert sich auf das neue Release auf Spheredelic: trance- und traumartig unwirklich. Stellen wir uns vor dem inneren Auge folgenden Situation vor: Wir sitzen neben dem knisternden Feuer, das den Raum einer mittelalterlichen oder früh-neuzeitlichen Taverne illuminiert, und blicken in dessen Mitte, wo ein Viola-Instrumentalstück vorgetragen wird. Soweit scheint die Situation stimmig, doch jeher wird die Bordun- oder auch Quintbassartige, schwer gestrichene Viola vom digitalen Aufatmen, vom effektdurchzogenen, höhenlastigen Schnalzen eines Synthesizers umspielt. Ganz ähnlich wie diese visuell imaginierten Phantasiebilder, so ähnlich klingt Tempus Fugit, oder zumindest sein dritter Track Jacob’s Ladder, auf auditiver Ebene. 

Tempus Fugit ist ein komplexes, eklektizistisches Ambient-Werk dreier Musiker:innen (Usher San, Osiris Module, KHΛOMΛИ), dass verschiedene musikalische Stile miteinander verwebt und in ein hypnotisches Gesamtwerk einbindet, dass sich der stilistischen und vielmehr noch der historischen oder kulturellen Geradlinigkeit der Stilelemente demonstrativ widersetzt. Das Besondere: der Eklektizismus der EP, also das Bedienen an unterschiedlichen Systemen und ihr neu zusammensetzen, ist nicht bloß eindimensional, vielmehr multidimensional im Gesamtwerk selbst verankert. Einerseits in der kollaborativen Ausrichtung des Projekts, das im Zusammenwirken dreier Künstler:innen entstand, die mal Solo-Produktionen, mal Duo- oder Trio-Produktionen beisteuern. Auffallend dabei: so divers die verschiedenen Songs auch klingen mögen, so sehr ergeben sie doch ein stimmiges Gesamtwerk, dass irgendwo zwischen technoiden, Filmscore ähnlichen Soundscapes (ΛRTEFΛKT) und organischen Instrumentaleinlagen verschiedenster Art (ARS_LONGA_VITA_BREVIS; QVOD_SVMVS_HOC_ERITIS) changiert, aber sogar kleine Streifzüge in die Welt des levantinisch angehauchten Psychedelic-Rock (DIGITALINE) oder des Post-Punk/Dark-Wave (SPECVLVM_MENTIS) erlaubt und gelungen integriert.

Diese stilistische Vielschichtigkeit, das Oszillieren zwischen Nuancen verschiedenster Epochen und Kulturkreisen (etwa dem europäischen Mittelalter, arabischer Neuzeit und digitalem Zeitalter) macht die zweite Dimension unseres proklamierten Eklektizismus aus. Und selbst im musikalischen Detail findet sich jener Eklektizismus wieder. So etwa im Rhythmusschema, das mitunter polyrhythmisch daherkommt. Verschiedene Spuren werden übereinandergeschichtet, die Kickdrum läuft entgegen der hypnotischen Sequenzer-Abfolge und im Hintergrund wabert ein wiederum rhythmisch graduell verschobenes, dynamisch gefiltertes dunkles Ambient-Pad (LVPVS_NIGER).

All diese Elemente auf Tempus Fugit spannen ein fein differenziertes, versatiles Netz aus Klängen, Geräuschen und Rhythmen, dass sich in seiner musikalischen Umsetzung zwar stark experimentell gibt, aber dennoch in sich stringent und vielschichtig mit Assoziationen verschiedenster kultureller, historischer und atmosphärischer Backgrounds jongliert. Lasst euch entführen in eine spannende Welt der Nicht-Linearität!

 

Hier geht´s zum Download

 

Tempus Fugi Cover

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Website erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Nähere Informationen entnimmst du unsererer Datenschutzerklärung